20Jun2018 CCCC

"Digitalisierung ist keine einmalige Aufgabe sondern eine innere Haltung"

Interview mit Sven Enger, Keynote Speaker beim 7. Bayerischen Innovationskongress

Seit 2014 ist Sven Enger Geschäftsführer des Verlags „Zukunft & Gesellschaft“, Keynote-Speaker und arbeitet eng mit dem Hamburger WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)zusammen. Anfang des Jahres 2018 veröffentlichte er das Buch „Alt, arm und abgezockt: Der Crash der privaten Altersvorsorge und wie Sie sich darauf vorbereiten können“

Mit der digitalen Transformation verändert sich die Wirtschaft fundamental, klassische Industriezweige werden teils digital und künstliche Intelligenz drängt auf den Arbeitsmarkt. Sven Enger, Unternehmer und Associate Partner bei IDEAS@HWWI des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts spricht zum Thema "Kommt mit der Digitalisierung das Ende der Gesellschaft?" beim 7. Bayerischen Innovationskongress am 28. Juni in der TechBase. Er sagt: "Digitalisierung ist keine einmalige Aufgabe, sondern eine innere Haltung".

Wir haben vorab mit Sven Enger über die Digitale Transformation gesprochen.

Herr Enger,was ist eigentlich für Sie die Digitalisierung?
Fragt man fünf verschiedene Manager, was digital oder Digitale Transformation ist, bekommt man mindestens sieben verschiedene Antworten. Für mich ist Digitalisierung mehr als nur der Einsatz von Technik - sie ist eine innere Haltung. Diese Haltung ist durch zwei Dinge gekennzeichnet: die permanente, kontinuierliche Veränderung und dadurch, dass diese Veränderung in der Regel disruptiv ist. Der digitale Wandel wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft ähnlich, wenn nicht sogar stärker umwälzen, als es die industrielle Revolution vor rund 150 Jahren getan hat.

Was sagen Sie Menschen, die regelrecht Angst vor der Digitalisierung haben? Weil sie befürchten, sie werden z. B. im Job abgehängt.
Der technologische Wandel ist Realität, Internet, Online-Shoppen, WhatsApp, Facebook & Co. haben längst Einzug in unseren Alltag gehalten. Wir alle nutzen digitale Medien meist ohne groß darüber nachzudenken. Datenskandale wie bei Facebook lassen uns bestenfalls kurz zusammenzucken, bewegen aber nur die Wenigsten sich abzumelden. Dies macht deutlich, dass wir als Anwender zumeist in der digitalen Welt angekommen sind - ohne Angst davor zu haben. Damit nutzen wir eindeutig die Chancen und Vorteile der neuen Technologien. Aber: Es wird in Zukunft zunehmend wichtiger, dass wir in die Rolle des Gestalters wechseln und damit die einseitige Rolle des Anwenders verlassen, dass wir für uns Chancen und Risiken erkennen und abwägen, dass wir die Veränderungen mutig angehen und sie selber in die Hand nehmen.

Wird sich die digitale Transformation auch auf die Führung von Mitarbeitern auswirken und wenn ja, wie?
Wer heute in verantwortlicher Funktion für ein Unternehmen tätig ist, steht ohnehin unter permanentem Veränderungsdruck. Wer seine Mitarbeiter künftig nicht nur halten und gute neue Mitarbeiter gewinnen will, muss sich folglich ebenfalls wandeln um seine Mitarbeiter zu begeistern: vom Chef zum Coach, vom Kontrolleur zum Mentor. Der Beruf ist heute für viele was er immer schon sein sollte, wofür er aber in der Ära des klassischen Managements nur selten taugte: eine Sinnquelle und nicht nur Broterwerb. Für die Generation Y, also die 1980 bis 2000 Geborenen, sind flexible Arbeitszeiten wichtiger als das Gehalt, Sabbaticals wichtiger als Dienstwagen, Kooperation wichtiger als Konkurrenz. Dadurch bewirken die jungen Arbeitnehmer eine stille Revolution in der Arbeitswelt. Sie fordern Flexibilität, flache Hierarchien, Feedback-Mechanismen und Eigenverantwortung - ein Wandel, den auch die digitale Transformation zwingend notwendig macht.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Gesellschaft ganz allgemein?
Früher erlebte man in seinem Leben eine Welt. Heute sind es drei, vier vielleicht sogar fünf Welten in einem Leben - so schnell, wie in den letzten beiden Jahrzehnten der technologische Wandel vorangeschritten ist. Google, PayPal, Amazon oder Facebook sind erst der Anfang. Künstliche Intelligenz und selbstlernende Computer werden unser Leben - gesellschaftlich und wirtschaftlich - nachhaltig verändern. Dem Moore'schen Gesetz zufolge verdoppelt sich die Leistungskraft von Computerchips etwa alle zwei Monate. Das heißt, was zu Beginn eher gemächlich voranschreitet, hebt irgendwann ab. In dieses Stadium sind wir inzwischen eingetreten, und es ist nicht absehbar, ob wir den damit einhergehenden Herausforderungen gewachsen sind. Dabei kommt es - aus meiner Sicht - in Zukunft vor allem darauf an, diese Entwicklung nicht unreflektiert als Heilsbringer zu sehen, sondern sehr genau auch die sozialen Belange im Blick zu behalten und die Gesellschaft als Ganzes auf diese Reise mitzunehmen.

Sehen Sie für die Wirtschaft und die Gesellschaft mehr Chancen oder mehr Risiken?
Ich möchte diese Frage mit einer historischen Analogie beantworten: Als der Conquistador Cortés in Mexiko landete, ließ er vor den Augen seiner Mannschaft die Schiffe verbrennen. Damit war, für alle sichtbar, der Rückweg abgeschnitten. Denn Cortés wusste: solange die Möglichkeit zur Rückkehr bestand, würde die Eroberung der Neuen Welt scheitern, da Heimweh und die Sehnsucht nach dem Alten die Oberhand behalten würden. Dabei ist das Beharren auf Bestehendem nicht zwingend unberechtigt. Natürlich soll geprüft und entschieden werden, was es zu bewahren gilt. Kompliziert wird die Sache allerdings dort, wo man sich, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Gedankenträgheit, von der allgemeinen Bewegung nur mitziehen lässt. Wo der Mainstream herrscht, genießt man das Neue, beharrt aber auf den Sicherheiten des Alten. Das wird so nicht zu haben sein. Wir sollten also einige Schiffe versenken, um auf die anstehenden Veränderungen, die mindestens so viele Chancen wie Risiken beinhalten, nicht nur zu reagieren, sondern sie aktiv mitzugestalten.

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